Festival Blog

Theater für die Region: In allen zehn Städten des Kreises Mettmann präsentierte die neanderland BIENNALE auch 2019 wieder ein buntes Programm. „Theater für die Region“ bedeutet immer auch „Theater für die Menschen“, die in dieser Region leben.

Von Ratingen bis Langenfeld – 2019 hat eine besondere Gruppe von Menschen die neanderland BIENNALE begleitet. Als Festivalblogger haben sie das Angebot vom 29.06. bis 14.07.2019 genauer unter die Lupe genommen. Wie vielfältig war das Programm? Welche Themen wurden behandelt? Kurz gesagt: Was sagt die Zielgruppe zu den Produktionen und Events im Rahmen der BIENNALE? Auf unserem Blog finden Sie Rezensionen zu allen Vorstellungen.

Das sind unsere FESTIVALBLOGGER 2019:

Sabine Lomberg, Dirk Kastarn, Olympia G. Glomb, Nadine Mauch,
Dr. Martin Fornefeld, Christiane Fornefeld, Martin Hagemeyer
Tom Kesting, Fritz Reich, Michael Trommer, Susanne Halbach, Ella Harrison, Rolf Müller, Eva Kirbisch, Susanne Holtmann (ohne Foto)

Wir sagen: VIELEN DANK für den regen Austausch und die wertvollen Meinungen!


Das Märchen aus der Wunderkiste

Das Märchen aus der Wunderkiste

Blogger: Dirk Kastaun

Ein Märchen aus der Wunderkiste – Compagnie Pas de Deux

Das Soloprogramm von der Compagnie Pas de Deux ist in erster Linie ein Märchen für Kinder. Die letzte Veranstaltung der neanderland Biennale fand in dem schönen großen Zelt der Compagnie statt, auf einer Wiese in Heiligenhaus, drumherum standen Wohnwagen.

Zirkusatmosphäre, allerdings nicht mit einer Arena sondern mit einer großer Bühne.

Für mich war es eine der schönsten Stücke, die ich, bei der diesjährigen Biennale, sehen konnte. Grund: Eine einzige Person Martin del Torre, steht nur mit dem Koffer „Elisabeth“ und wenigen Requisiten und Instrumenten auf der Bühne. Er schafft es eine Stunde lang Kinder und Erwachsene in den Bann zu ziehen. Ohne Technik und viel Schnickschnack und nur mit der Mimik und seiner tollen Ausstrahlung schafft er es glaubhaft im dargestellten Märchen vom Trommler (eher unbek. Märchen der Gebr. Grimm) in verschiedene Rollen zu schlüpfen , wie den Märchenerzähler, den Trommler, der Hexe, der Prinzessin bis hin zu den Musikern die bei der Hochzeit am Ende aufspielen.

Das die Hexe in schweiz. Mundart spricht ist ein sehr schöner Einfall und gibt ihr eine besondere Persönlichkeit. Dass wir als Zuschauer nicht alles verstehen ist eher nebensächlich, denn wie heißt der schönste Satz aus dem Stück: „Idee ist mehr als man weiß“ - Fantasie und Poesie zählt (im Märchen) also mehr als das Verstehen… das Reale. Die Kinder als Zuschauer haben sichtlich alles verstanden.

Der Anspruch der Compagnie Theater in die Herzen und „Dörfer“ zu bringen gelingt erneut. Alle blieben gebannt sitzen, es wurde nie langweilig unsere Herzen wurden erreicht.


Souvenirs

Souvenirs

Blogger: Christiane und Martin Fornefeld

Souvenirs oder die Geschichte vom Suchen und Finden der Liebe

Zwischen evangelischer Kirche und Gemeindehaus in Mettmann öffnet sich eine wunderbare umschlossene Fläche, wir hätten nicht gedacht, dass es ein Freilichttheater wird. Sie ist heute Abend Ort für das Theaterstück Souvenirs der Compagnie Pas de Deux. Fast hundert Interessierte haben sich auf den Sandsteinstufen niedergelassen an diesem Sommerabend. Wie immer bei der Compagnie ist der Bühnenaufbau eher spartanisch, heute nur bestehend nur aus einem Paravent und einem Kinderstühlchen.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Mamsell Lilly (Aline) und Alphonse (Martin) sind die beiden Akteure, die uns auf die Reise mitnehmen, um die sechs verflossenen Liebhaber von Lilly kennenzulernen. Begleitet nur durch ein Köfferchen als Requisite, das sich wenig später als riesiger Überseekoffer entpuppt. Es ist ein Episodentheater. Wir erleben den künstlerischen Jacques auf dem Mont Martre, den starken spanischen Seemann und Knotenkünstler Rodriguez, den exakten deutschen Fritz bei seiner Morgengymnastik, den teetrinkenden Gentleman William aus England, das schräge Tori sowie den schrecklichen messerwerfenden Iwan aus Sibirien. Und wer musste alle Jobs erfüllen? Natürlich Martin, Lilly war die in Erinnerungen schwelgende Erzählerin, oh la la! Am Ende sind wir wieder etwas schlauer, die wahre Liebe wohnt um die Ecke, kann nichts richtig gut, aber ist trotzdem perfekt, richtig, es ist Alphonse.

Es gelingt mit wenigen Requisiten und moderner Technik eine Weltreise im Kleinen zu inszenieren, angereichert mit Jonglage, Akrobatik, Zauberkunst und Musik. Dieses hinreißende Zwei-Personenstück zeigt uns einmal mehr, dass es für einen guten Abend nur wenig braucht. Gut gemacht, weiter so!

Christiane und Martin Fornefeld

Souvenirs

Blogger: Dirk Kastaun

Das Straßentheater Compagnie Pas de Deux aus der Schweiz kam in Mettmann sehr gut an, was vor allem auch an dem wunderschönen Platz neben der Evangelischen Kirche lag. Sowohl dieser Platz als auch das „herzliche Völkchen“, das hier im Kreis Mettmann lebt, wurde von der Theatercompagnie daher auch besonders am Ende ihrer Darbietung hervorgehoben. Die reizende Mamzell Lily kam mit ihrem Akkordeon von hinten durch das erwartungsvolle Publikum und rief ihrem Partner Alphonse zu: „ So viele Zuschauer“ …und wirklich, es waren viele gekommen… es gab eine Bühne und eine große Treppe als Tribüne. Die Mitarbeiter der Neanderland Biennale verteilten Sitzkissen, das Wetter spielte mit, alles perfekt.

Pas de deux zeigten ein nettes, buntes Programm , voller Klischees (was nicht jedem gefallen muss) mit Zauberei , Artistik, Musik und viel Humor. Das Publikum - einschließlich Kindern - wurde durch die Beiden verzaubert.


Die Glücksgeige

Die Glücksgeige

Blogger: Christiane und Martin Fornefeld

Die Glücksgeige oder die Sache mit der Liebe

Auf der grünen Wiese wartet auf uns in einem Theaterzelt ein großes Kasperletheater? Die rustikalen Holzbänke erinnern an frühe Zirkustage. Ein gut gefülltes Zelt wartet voller Spannung auf das, was da wohl aus dieser Holzbühne Gescheites kommen soll.

Zwei junge engagierte und begeisternde Schauspieler, Aline und Martin, erobern die Bühne. Nix mit Kasperltheater, wir haben Glück gehabt. Die Geschichte nimmt schnell Fahrt auf. Die Braut, der Vater, der Spielmann, der Gastwirt, der Teufel, der Schmied, der Schneider und der Bräutigam haben alle ihren Auftritt. Und Sie ahnen es schon, alle diese Rollen werden durch Aline und Martin dargestellt, die sich in Windeseile in die neuen Charaktere begeben, durch Sprache, Mimik und Gewänder. Die Superflexibühne zeigt uns Wirtshaus, Schmiede, Schneiderei, Kirche und Kutsche, letztlich mit nur drei Kisten und einer Tür. Sie erzählen uns die klassische Geschichte um die Entscheidung zwischen Geld oder Liebe. Die Frage lautet, willst du deiner Liebe folgen oder ist Ruhm und Reichtum deine Liebe? Temporeich, gespickt mit unvermittelt einsetzender Akrobatik, kombiniert mit musikalischen Einlagen und ergänzt durch Jonglage, versucht der Teufel, den Spielmann und die Braut mit Geld zu locken und für sich zu gewinnen. Das Gute daran ist, er verliert.

Einmal mehr wurde der Beweis erbracht, dass junges engagiertes Theater mit Hingabe und Herzblut super funktioniert. Eine im Kern bekannte Geschichte wird durch wenige aber gut ausgewählte Zutaten zu einem herzerfrischenden Abendspektakel. Die Companie Pad de Deux hat uns neue Schweizer Küche kredenzt. So wurde uns ein Märchen modern erzählt, gespielt mit Witz, Lust und Leidenschaft. Alle Besucher/innen konnten mit der Botschaft nach Hause gehen, folge deinem Herzen, nutze deinen Verstand.

Christiane und Martin Fornefeld


Die Nibelungen

Die Nibelungen

Blogger: Dirk Kastaun

Das N.N.-Theater aus Köln ist schon seit einigen Jahren Bestandteil der Neanderland Biennale. Dieses Jahr hatten sie bereits „Heidi“ in Wülfrath gezeigt.

Für mich gehören sie immer zu den Höhepunkten.

Diesmal waren sie mit einem älteren Stück aus ihrem Repertoire - der Heldensage „Die Nibelungen“ in Ratingen zu sehen. Es ist immer wieder beeindruckend, wie dieses Straßentheater mit einem Minimalaufwand an Requisiten (in diesem Fall waren es u.a. Holzstöcke) und wenigen Schauspielern mit großer Ausstrahlung und interessanten Gesichtern unvergessliche und poetische Theaterbilder zaubern können.

So dienen diese Holzstöcke als Flügel um Vögel darzustellen, dann wieder als Waffen, dann entsteht eine Treppe daraus, dann Ruder für eine Schiffsfahrt, später werden Pflanzen aus ihnen. Ebenso beeindruckend ist, in wie viel verschiedene Rollen die wenigen Schauspieler mit ihren dazugehörigen Kostümen schlüpfen können. Diese Abstraktion und Reduzierung wird buntgemixt durch Phantasie und Kreativität ersetzt die sich auf den Zuschauer überträgt. Dazu kommt der intelligente Humor (manchmal dachte ich an Monty Python, manchmal an Filme von Fellini ) und doch geht es hier nicht nur um Klamauk sondern es bleibt die Ernsthaftigkeit des Stücks erhalten so waren viele historische Details geschickt eingearbeitet. Die Anspielungen an die Gegenwart (twittern, 11. September, PKW-Maut ) machen zusätzlich die Unverwechselbarkeit des N.N. Theaters und den Spaß mit diesem sehr körperlich agierenden Theater aus.

Da das Stück wetterbedingt im Stadttheater und nicht draußen im Poensgenpark in Ratingen aufgeführt wurde ( das NN-Theater beherrscht beides herausragend ) fehlte zunächst die spontane Reaktion des niederbergischen Publikums. Erst bei Hip-Hop-Einlage und Breakdance taute es auf . Zwar verließen einige wenige Zuschauer in der Pause das Theater, evtl. hatten sie im Stadttheater eine ernste (Hebbel-)Aufführung erwartet. Auch in Monty Python -Filmen verlassen immer wieder einige Zuschauer das Kino, das NN-Theater mag man oder mag es nicht . Die meisten aber waren begeistert und es gab Standing Ovation auch für den Ratinger Hart Chor der im Sinne der neanderland Biennale ein Bestandteil der Aufführung wurde.

Dramaturgisch interessant gestaltet war der Anfang des Theaterabends, der bereits das tragische Ende (Kriemhilds Rache) der Schlussszene vorwegnahm, in der die Burgunder durch Gift und Pfeil und Bogen getötet wurden. Zeigte uns das NN-Theater diese Szene am Anfang außerhalb des Todeszeltes aus Sicht des bewirtenden, arbeitenden Personals , sahen wir Zuschauer am Ende die tragische und blutige Szene , noch einmal und jetzt von innen mit den Betroffenen.

Die Nibelungen

Blogger: Martin Hagemeyer

Heidi ist mir heiliger als die Nibelungen. Dass ich mich neben dem Spyri-Stück auch bei "Die Nibelungen" für eine Produktion des N.N. Theaters entschieden hatte, war Zufall und ein bisschen typisch für mein Herangehen an die ganze Biennale: Nicht viel überlegen, einlassen, nehmen was kommt. MAL SCHAUEN. Auch dass der heutige Spielort Ratingen hieß, hatte ich erst einen Tag vorher gecheckt. Nun also: selbe Truppe, deren Ansatz ich bei meinem geliebten Alpenkinddrama etwas ungnädig beäugt hatte. Aber nun Nibelungen? Urdeutscher Urmythos, persönlich tangiert der mich kaum - da dürfen sie Klamauk, der mich bei Heidi fast pikierte. So vorab.

Wurde dann aber unerwartet ernsthaft. Ich sah einen zwar sehr witzigen, spielerischen Zugang ohne falsche Ehrfurcht - aber mit mehr als einer Ahnung, worum es geht bei diesem Mythos. Gleich hier erwähnt ein Element, das zum Eindruck viel beitrug: die Begleitung durch einen Ratinger Chor. Gut klassisch stand dieser am Rand des Geschehens, intonierte rhythmisch und stimmstark einen passenden Lieder-Mix. Witzig, doch würdevoll - und am Ende sogar Teil des Spiels, als es ans Völkerschlachten ging und die Damen und Herren malerisch als Kriegstote auf der Bühne zu liegen kamen. Denn "blutig", wenn auch ohne Blut wurde es ja doch.

Wie gesagt: Der Abend blieb nicht schuldig, worum es wohl geht bei den Nibelungen und ihrer sprichwörtlichen Treue. Klar wusste man, dass Siegfried von Hagen ermordet werden würde, und hier wurde er das in Zeitlupe, mit einer riesigen Holzpike, so wie alle Waffen heute aus Holz waren, selbst das legendäre Schwert Balmung. Gutes Beispiel übrigens für die Herangehensweise, für die heitere Haltung der Kölner Truppe zum Stoff, seinem hochkulturellen und nationalen Gewicht. Aber was man sonst von der Handlung vielleicht nicht kennen mochte, vermittelte sich in Grundzügen durchaus. Eine Figur wie Gunther, Bruder der holden Kriemhild und hier selbst zwischen komisch und tragisch: Blauäugig im Beharren, bei der Trauung mit Siegfried zeitgleich gegen alle Warnungen die unnahbare Brünhild heiraten zu wollen. "Doppelhochzeit!" "Hmmm, wer heiratet denn sonst noch?" Und damit zum Gutteil verantwortlich für den blutigen Fortgang? Es schien so. Siegfried (er sprang ihm unsichtbar bei beim nächtlichen Vollzug) bei allem Spaß doch seriös als Recke, wie er sich reckte im engen Wams. Und köstlich diese Brünhild, wie sie ein bisschen dämonisch ihre Wirkung auf Männer genoss.

Kulturgut also durchaus, als Stoff für zwei Stunden theatralen Übermut. Ewig menschliche Verhaltensmuster. Nibelungentreue, auch sie wurde konkret. Und hey, wir sind im Rheinland! Mythos auch der Region, wenn man so wollte. Xanten, Worms, so weit ist doch das alles nicht. Wenn man im Zeichen der Theater-Tour denn schon (und gerne) dauer-unterwegs ist.

Die Nibelungen

Blogger: Ella Harrison

Die Nibelungen als Volk. Ich sag jetzt mal: Das muss man mögen. Das sie häufig missverstanden bleiben, überrascht nicht, denn nicht alles, was sie tun, ist auf den ersten Blick nachvollziehbar.

Das NN-Theater versteht es, hier zumindest an einigen Stellen, Licht ins Dunkel zu bringen und interpretiert eine der ältesten deutschen Sagen noch einmal anders, noch einmal neu.

Einzusehen ist beispielsweise, dass Nibelungen-Mama Ute ständig nörgelt weil der Junge (König Gunther) nur Unsinn macht und Unglück bringt; ebenso wie der Umstand, dass der frisch im Drachenblut gebadete und damit - bis auf eine heikle kleine Stelle – unverwundbare niederländische Hunk Siegfried, der übrigens an diesem Abend einen ganz bezaubernden türkischen Akzent spricht (ich bin verliebt!), unbedingt das It-Girl Prinzessin Kriemhild aufreißen will.

Soweit – so gut. Warum jedoch der gute König Gunther so jeck auf die schöne aber grausame Königin Brünhild von Island ist, die jeden Mann zunächst am liebsten in Stücke fetzen würde, und dazu noch JWD am anderen Ende eines wilden Meeres wohnt – als gäbe es in Worms keine tollen Schnitten -, man weiß es nicht.

Dass die beiden Damen Kriemhild und Brünhild sich irgendwann in die Wolle kriegen würden, weil jede den ober-aller-wichtigsten Chef-Gatten haben will und man sich nicht einigen kann, wer’s denn nun sein soll – na, das war jetzt wieder vorhersehbar.

Jetzt nimmt die Sache Fahrt auf. Eins kommt zum anderen. Kriemhild erzählt Brünhild, dass selbige in deren Hochzeitsnacht nicht vom Gatten Gunther, sondern inkognito von Schwager Siegfried in Tarnkappe „beglückt“ wurde. Jetzt wird Brünhild aber mal so richtig schön wild.

Hier fragt man sich natürlich zu Recht, warum hat Siegfried sein unschickliches und zeitlich völlig unpassendes Fremdgehen bereits in der Doppelhochzeitsnacht schön brühwarm seiner Frau erzählt. Warum ist die dann nicht komplett ausgeflippt und hat dem Burschen mal ordentlich die Meinung gesagt – und warum um Himmels Willen erzählt sie den ganzen Driss auch noch ihrer Schwägerin? Fragen über Fragen. Der mir zutiefst unsympathische Onkel Hagen von Tronje hilft dann auch noch einmal ordentlich mit, dass die Dinge eskalieren. Warum der sich einfach so mir nichts, dir nichts auf die Seite von Brünhild schlägt, bleibt für mich typisch männlich, launisch – vielleicht findet er Brüni ja selbst ganz dufte… Derweil stellen sich Kriemhilds Brüder Gunther, Gernot und Giselher eher durchsetzungsscheu und - meiner Meinung nach – ziemlich weicheiig an.

Dann kommt es, wie es kommen muss…

Mega-Gelage in Ungarn – keiner sieht die Falle zuschnappen – Blutbad! - ALLE TOT. Aber so gehört sich das einfach. Sonst ist mit der ganzen Sage irgendetwas schiefgelaufen. Wie sechs Schauspieler mit nicht mehr als sagen wir sechs Requisiten (ein paar Stückchen Stoff, zwei Dutzend (Bambus-?) Stöcke, bisschen was Schmückendes (Fell, Krönchen, Handstulpen) für die edlen Herrschaften…) ein solches Spektakel aufziehen können, ist mir ein Rätsel. Solche Ideen muss man erst einmal haben!

Die Damen und Herren vom NN-Theater (teilweise unter anderem bekannt aus der Stunksitzung) überzeugen in jeder Hinsicht. Und obwohl das Komische nicht zu kurz kommt, bleibt die Tragik des gewaltigen Stoffs erhalten.

Musikalisch unterstützt vom absolut fabelhaften und mitreißenden ortsansässigen Ratinger Chor „HartChor Extended“ (der, wie uns zugetragen wurde, genau zwei Gelegenheiten gehabt hatte, die nicht ganz unkniffligen isländischen Gesänge und französischen Trinklieder zusammen mit dem Regisseur und dem Ensemble des NN Theaters zu proben) – wurde dem Publikum hier alles geboten: Von Minne – über Hip-Hop bis hin zum Mönchsgesang…. – EINFACH WUNDERBAR!


Fazit

Ein Abend wie ein Ü-Ei
Spannung – Spiel – und Überraschung,
… und an Stelle von Schokolade: Bildung.
Tolle Sache!


LONGJOHN auf der Flucht

LONGJOHN auf der Flucht

Blogger: Fritz Reich

Ein mobiles Playback-Theater, ein Western Abenteuer als Schauspiel, ein fahrender Bus als Bühne und Zuschauerraum und das ganze 15 Minuten lang. Man durfte gespannt sein. Die Pferde blieben Gott sei Dank draußen. Aber sonst hatte dieser Western alles was ein Western eben braucht. Und alles spielte in Velbert.

Zunächst ein paar schräge Typen, die durch ihr Auftreten erst mal zeigten wer, hier der Herr im Bus ist. Einschüchterungen, Taschenspielertricks und Säbel-, nein Revolverrasseln gaben zunächst den Ton an. Ein weiterer scheinbar furchtloser Zeitgenosse, wollte sich das nicht gefallen lassen. Er wurde aber mit bleigeladenen Argumenten schnell eines besseren belehrt. Während man durch die Innenstadt fuhr, zeigten sich im Vorbeifahren immer wieder prärieartige Bilder. Ein Indianercamp, wilde Horden auf bereiften Drahteseln, Rauchzeichen und, was wohl keinen richtig überraschte, plakatgroße Steckbriefe der beiden mitfahrenden Gauner.

Diese Steckbriefe resultierten wohl nicht zuletzt aus dem Banküberfall, den die Schurken sozusagen aus dem Bus heraus durchführten. Der Bus wurde nach dem Überfall auch gleich zum Fluchtpferd -fahrzeug eingesetzt und so ging es in wilder Fahrt mit den Verfolgern im Nacken durch die Wildnis (Velbert). Aber die Ganoven hatten die Rechnung ohne den Sheriff gemacht. Dieser stellte die Halunken und konnte sie in einer wilden Schlägerei besiegen und festnehmen. Alle Mitreisenden blieben unverletzt und spendeten dem schlagkräftigen Sheriff, aber auch den Kontrahenten kräftigen Applaus. Erleichterung über den Sieg der Gerechtigkeit, sowie über den unbeschadeten wilden „Ritt“ durch die Prärie immer unter den Augen der Ganoven, stieg man am Ende mit weichen Knien aus dem Bus in der Hoffnung, dass die folgenden Fahrten genau so glimpflich ablaufen würden.

Was andere Regisseure in langen Filmen breittraten wurde hier in nur 15 Minuten oskarreif zusammengefasst.

Nach diesem nervenaufreibendem Abenteuer war man froh sich in der Westernstadt der Musik- und Kunstschule stärken zu können um bei den dargebotenen Musik- und Showeinlagen wieder auf andere Gedanken zu kommen.
Ein wirklich gelungener Western mit überzeugenden Darstellern und vielen Überraschungen am Wegesrand. Und am Schluss eine Musik- und Kunstschule, die das Thema aufgriff und gekonnt für ihr Fest umsetzte. Alles in allem eine wieder Mal gelungene Veranstaltung im Rahmen der neanderland Biennale.

Eins hätte ich fast vergessen. Vielen Dank an den Busfahrer, der es verstand auch unter widrigsten Umständen sein Gefährt und die dazugehörigen Pferdestärken gekonnt durch die engen Straßen der Velberter Prärie zu steuern.

LONGJOHN auf der Flucht

Blogger: Eva Kirbisch

Velbert liegt im Wilden Westen

Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Eine Playback-Westerngeschichte in einem fahrenden Bus aufleben zu lassen. Das Kölner Ensemble "DER WEISSE KNOPF" machte es im Rahmen der neanderland BIENNALE in Velbert möglich. In sage und schreibe 15 Minuten wurde jedes Greenhorn in die Welt des Wilden Westens entführt. Witz, Überraschungen und Spielfreude machten die Fahrt zu einem besonderen Vergnügen.

An der Bushaltestelle warten die Mitarbeiterinnen der neanderland BIENNALE mit roten Cowboyhüten. Der Bus kommt - auch der Busfahrer natürlich mit Cowboyhut - , 40 Gäste steigen ein und flott beginnt die Handlung. Kernige Westernhelden sprechen und spielen playback. Die Texte aus bekannten Filmen u.a. mit Bud Spencer und Terence Hill werden eingespielt. An der ersten Haltestelle steigt ein fieser Schurke ein: Johnson. "Wie kann ich nur so dämlich sein und immer wieder hier her kommen?" Wie Recht er hat: das Stück wird an diesem Tag zum 5. Mal gespielt. Der zweite Bandit jongliert mit Äpfeln während der Fahrt als der Dritte herausfordernd fragt:"Wieso denkt ihr, ihr könnt in meine Stadt kommen?" Da bahnt sich Ärger an. Schon ist der Revolver gezückt.

Und jetzt überschlägt sich der Spaß: Eine Rothaut und ein weißer Mann reiten auf echten Pferden vorbei, auf einer Trompete wird eine Westernmelodie live gespielt, die Banditen steigen aus, Radfahrer mimen die Büffelherde, in einem Pavillion sitzen winkende Rentner in Westernkluft, die Schurken steigen wieder ein, ihre Steckbriefe prangen auf einer Plakatwand, Rauchsignale steigen tatsächlich draußen auf, als sie im Text erwähnt werden...

Jede neue Überraschung wird mit Gelächter quittiert. Das Zusammenspiel der Handlung per Band und tatsächlichen Ereignissen gelingt einwandfrei. Die Männer spielen mit Leidenschaft und nicht ohne Selbstironie. Besondere Hochachtung gebührt dem Busfahrer, der das Gefährt immer im richtigen Moment an den richtigen Orten vorbei fährt.

Bei dem Showdown - eine handfeste Prügelei - werden die Schurken dingfest gemacht. Die Ordnung ist wieder hergestellt.

Nach einer viertel Stunde steigen die Zuschauer am Westernfest der Kunst- und Musikschule verzaubert aus.

An diese Busfahrt werden sich alle gerne zurück erinnern.

LONGJOHN auf der Flucht

Blogger: Nadine Mauch

In Kooperation mit der Musik- und Kunstschule Velbert ludt die Kölner Theatergruppe zu einem Western-Abenteuer der besonderen Art ein. Ein Bus wurde zum fahrenden Theater und nahm die Fahrgäste mit in eine abenteuerlich witzige Western-Episode:

Vor Beginn warten die Fahrgäste gespannt darauf, was uns in einem Bus mit Cowboys wohl erwartet. Der Bus ist rappelvoll mit Fahrgästen und die Cowboys sind kernige Burschen von denen es heute viel zu wenige gibt.

Ich erinnere mich an den Song "Where are all the Cowboys gone?" Nun ja ich habe sie gefunden.

Waschechte Cowboys und bekannte Dialoge aus Western. Dazu ein Banküberfall, ein Angriff einer Büffelherde oder auch die Ablösung vom Pferd zum Fahrrad. Sogar eine Schlägerei und ein Kampf werden während der Fahrt dargestellt. Auf unserer Tour durch Velbert entdecken wir glückliche Kinder, die als Indianer oder Cowboys verkleidet sind und die Fahrräder mangels Ponys benutzen. Sogar echte Westernreiter kreuzen unseren Weg. Einige Büger haben in ihren Gärten Zelte aufgebaut und essen und grillen in Westernoutfits, ich bin begeistert. Bei der inszenierten Schlägerei wird der ganze Spielraum des Buses verwendet. Ich wundere mich schmunzelnd, wenn uns einer durch Velbert fahren sieht, hoffentlich ruft niemand die Polizei, aber die Bürger schienen gut informiert.

Die viel zu kurze Fahrt endet in der Westernstadt, wo Speis und Trank so wie Handwerk angeboten wird. Kinder können basteln und Handwerkern und alle Beteiligten haben Spaß.

So schön und unterhaltsam bin ich noch nie Bus gefahren. Ein großes Kompliment gilt dem Busfahrer, der unter erschwerten Bedingungen sicher und pünktlich in der Westernstadt halt machte.

Schade, ich wäre gerne einfach weiter mitgefahren und wenn ich das nächste Mal in einem langweiligen Bus sitze, schliesse ich meine Augen und denke an diese unvergessliche Fahrt mit den letzten echten Cowboys...


Zu Fuß

Zu Fuß

Blogger: Eva Kirbisch

Theater in Bewegung

Einen heiteren Theaterspaziergang mit musikalischer Begleitung und viel Lokalkolorit bot die 5. Vorstellung der neanderland BIENNALE. In die aufstrebende und zusehens selbstbewusster werdende Stadt Monheim am Rhein am südlichsten Zipfel des Kreises waren rund 50 Zuschauer, Mitwanderer und Stichwortgeber gekommen.

Am Rathausplatz gab es eine kurze Einweisung des Dortmunder Ensembles "Emscherblut":

An verschiedenen Stationen werden improvisierte Szenen von den vier Schauspielern und zwei Musikern geboten. Das Publikum darf und soll Einfluss auf den Inhalt nehmen.

So wurde nach einem Gefühl am Rathausplatz gebeten. "Fernweh" rief ein Zuschauer. Sogleich entstand eine Bahnhofsszene. Eine frisch getrennt lebende Eisverkäuferin bricht schweren Herzens zu ihrem ersten Urlaub als Single auf. Auch die Texte der Lieder - hier eine traurige Ballade - werden improvisiert. Eine Freundin überredet die Eisverkäuferin zu bleiben. Denn "in Monheim gibt es das beste Eis."

Es sind nicht die Inhalte, die das Publikum mitreißen, es ist die überaus sympathische und humorvolle Atmosphäre, die begeistert.

Die Klappstühle werden in den Bollerwagen gepackt und weiter geht es zu Fuß zur nächsten Station: Das Ulla-Hahn-Haus. Eine Person wird von den Zuschauern gefordert und natürlich sehen wir Ulla Hahn. Sie hat sich seit drei Tagen aus ihrem Haus ausgeschlossen. Ein Mann kommt ihr zu Hilfe und sie textet ein neues Gedicht. Begeisterung. "Man könnte eine Straße nach mir benennen oder ein Haus." "Oder den halben Hahn", so der ergänzende Vorschlag aus dem Publikum.

Und wieder geht es weiter von einer kurzweiligen Szene zur nächsten. Passanten wandern manchmal unfreiwillig durch das Bühnenbild und reagieren mit neugieren Blicken auf die ungewöhnliche Gruppe.

Bei einem Märchen am Schelmenturm wird letztlich die böse Baumhexe unschädlich gemacht und nun können wieder Jünglinge die Stadt betreten. "Lasst uns die Stann MANNheim nennen."

In der Altstadt wird am Rheincafe ein vorbeiradelnder Junge in die Szene miteinbezogen. Auch er nimmt es mit Humor.

Das Zusammenspiel der Musiker mit den Schauspielern funktionierte professionell. Den drei Frauen und dem Mann hätte man in einigen Szenen gerne noch eine männliche Verstärkung gewünscht. Bei angenehmen Temperaturen und leichtem Wind sind die 90 Minuten schnell verflogen. Nach einer Zugabe löst sich die Gruppe gutgelaunt auf.

Zu Fuß

Blogger: Susanne Halbach

Vor dem Monheimer Rathaus erwartet uns an diesem Abend bereits die 6-Köpfige Theatergruppe "Emscherblut" mit Musik und Pantomime, als wir vor unserem Stadtrundgang dort eintreffen. Die vier Schauspieler stimmen uns noch kurz auf die Besonderheiten des Improvisationstheaters ein und schon geht es zum "üben" mit der ersten Szene direkt vor dem Rathaus los.

Auf Zuruf des Publikums wird eine Szene über Fernweh gestaltet und sogar ein heruntergefallenes Eis wird mit einbezogen! Doch das überraschendste für mich: Hier wird auch improvisiert gesungen! Beim Impro-Theater ist es ja üblich, daß die Zuschauer gefordert sind mitzumachen, damit die Schauspieler spielen können aber diese spontanen Einrufe direkt in Songs zu verarbeiten, so etwas hab ich zuvor noch nie gesehen.

Mit Stefan an der Gitarre und Ariane an der Geige, die das Ensemble live begleiten, funktioniert das ganz wunderbar.

Und so zieht die Gruppe der Schauspieler und Zuschauer durch die Monheimer Altstadt und es gibt 7 improvisierte Szenen an 5 verschiedenen Spielorten zu sehen.

Das Publikum hilft fleißig mit, indem es Emotionen, Personen, Superkräfte, Genres oder Gegenstände auf Zuruf liefert. Die Theatergruppe mit Nina, Desire, Linda und Holger setzt diese mit unglaublicher Spielfreude, Fantasie und ansteckend guter Laune in witzige Spielszenen um und verarbeitet sogar Monheimer Historie. Von Gänseliesel mit Gans über den Löwen im Wappen, bis zu Ulla Hahn und der Kulturraffinerie wird alles spielerisch umgesetzt.

Ich bin gespannt, was "Emscher Blut " an anderen Spielorten improvisiert und empfehle unbedingt mit ihnen einen Spaziergang "zu Fuß" zu unternehmen.

Zu Fuß

Blogger: Rolf Müller

Mitten in Monheims Altstadt ätzt die kratzbürstige Julia den immer noch schwer verliebten Romeo an – 30 Jahre nach ihrer großen Liebesgeschichte stehen die Zeichen auf Trennung. Ulla Hahn, vor Durst fast wahnsinnig, reimt vor ihrem Elternhaus um ihr Leben und ihre Bedeutung als Schriftstellerin. Und die Gänseliesel aus Monheims Stadtwappen dreht unter'm Schelmenturm kaltblütig dem Federvieh den Hals um.

Das alles kann passieren, wenn die vierköpfige Improvisationstheatertruppe „Emscherblut“ mit etwa 40 Zuschauern anderthalb Stunden durch Monheim zieht und an verschiedenen Orten der Spiellaune freien Lauf lässt. Und nichts davon wird genau so nochmal passieren – denn jedes Stück wird von zugerufenen Stichworten des Publikum mitbestimmt und entwickelt sich spontan. Krimi und Märchen, Musical und Drama - alle Genres werden bedient. Die Akteure (drei Frauen und ein Mann) sprühen vor Spielfreude und Ideen. Und sie beeindrucken, begleitet von Gitarre und Geige, auch gesanglich mit improvisierten Songs. Zugegeben, nicht jedes der acht Stücke überzeugt dramaturgisch vollends. Hin und wieder ist bei den Akteuren ein Hauch von Ratlosigkeit spürbar, wie die Story nun weitergehen könnte. Improvisationstheater eben. Gleichzeitig macht genau das das Zuschauen noch interessanter: Mal fiebert man mit der Geschichte mit, mal mit den Schauspielern. Die ebenfalls improvisierte Musikbegleitung hilft jederzeit über kleine inhaltliche Hänger hinweg.

Fazit: Emscherblut aus Dortmund bietet mit dieser mutigen und hautnahen Theatervariante kurzweilige und niemals vorhersehbare neunzig Minuten Kultur. Auch Romeo und Julia, Ulla Hahn und die Gänseliesel hätten sich definitiv großartig unterhalten gefühlt!

Zu Fuß

Blogger: Michael Trommer

Was ein Toastbrot und entführte Kindergärtnerinnen gemeinsam haben können.

Die freie Schauspielgruppe „Emscherblut“, die im letzten Jahr ihr dreißigjähriges Bestehen feierte, gastierte anlässlich der neanderland BIENNALE am Samstag in Monheim.

Es mag für Außenstehende zeitweise der Eindruck eines „Der Zirkus kommt in die Stadt“ - Umzugs entstanden sein, als wir gestern am frühen Abend durch Monheim zogen. Wir – das war zunächst die vierköpfige Dortmunder Schauspielgruppe „Emscherblut“ mit zwei Live-Musikern (Geige und Gitarre) zur Verstärkung. Dann der Technik-Tross mit Bollerwagen, Lautsprechern, Kamera und Ton und jeder Menge Klappstühlen sowie einer Truppe von geschätzt vierzig Zuschauern, die durch die Innenstadt von Location zu Location pilgerten.

Das Konzept dahinter: Spontanes Theater an mehr oder weniger prägnanten Plätzen Monheims. So begann es am Rathausplatz mit der kurzen Vorstellung der Gruppe und einem ersten Szenario zum Thema „Fernweh“. Als man dabei übereinstimmend feststellte, dass es in Monheim das beste Eis gab und die Eisdielen Besitzerin daher nicht verreisen durfte, zog man mit allen weiter zum Ulla Hahn Haus. Dort rettete ein Handwerker Frau Hahn vor dem sicheren Verdursten und ermöglichte ihr so weitere tiefschürfende Gedanken um ihren Namen herum.

Am nächsten Punkt, dem Kindergarten, wurde zunächst ein Musical rund um den Handlungsträger Toastbrot geboren. Dieses punktete aufgrund seiner versöhnenden Kraft gegen den klar unterlegenen Gegner Vollkornschnitte. Such is life im Kindergarden!

Der Platz daneben bot sich an, um uns Zuschauern die Tragik einer fast gelungenen Entführung der besten Kindergärtnerin Monheims nahezubringen. Wie passend, wenn das zu gut chloroformierte Opfer durch eine zufällig anwesende Adrenalinspritze wieder zu uns findet und dann von selbst beschließt, mitzugehen, weil es in Düsseldorf auch Kinder gibt.

Die vorletzte Station, das Stadttor, ließ uns erschauern ob der Tragik, dass ein Tourist alleine durch das Aussprechen eines falschen Wortes in Monheim zur Todesstrafe verurteilt werden soll. Nur durch beherztes Einwerfen des Begriffs „Versöhnung“ aus dem Publikum konnte sich die Situation noch entschärfen lassen. Ein kleines Märchen, in dem eine Frau von der bösen Hexe zum Apfelbaum verwandelt wurde und nur durch den Kuss eines Jünglings wieder gerettet werden konnte, schloss sich dort noch an.

Zu guter Letzt traf die gesamte Truppe samt Anhang auf dem Platz vor dem Irish Pub ein und es gab noch eine historische Lehrstunde zu „Romeo und Julia“. Auch da, so lernten wir Zuschauer, hatte der Zahn der Zeit an Julias Liebe zu ihrem Lover genagt. Beide einigten sich überraschend schnell auf eine Trennung, verhieß sie doch für Romeo erneute Freiheit und für Julia Erbauung durch einen kleinen Italiener, der zufällig und nichtsahnend an dem Szenario vorbeiradelte und direkt und gerne ins Geschehen einbezogen wurde.

Als Zugabe konnten sich zuletzt auch noch zwei Zuschauerinnen am Theater beteiligen, mussten sie doch zwei Schauspielerinnen wie Puppen bewegen und so dafür sorgen, dass sich „The Beauty and the Beast“ zu guter Letzt trafen und in die Arme schließen konnten.

Die Zuschauer waren begeistert und es war klar, dass alle Ausführenden hier eine tolle Leistung gezeigt hatten. Spontaneität, herzliche Töne im Ruhrpott Slang und eine starke schauspielerische Kraft ließ sich bei allen Mitwirkenden der Truppe erkennen.

Ich kann nur empfehlen, das Internet einmal auf „Emscherblut“ zu durchforsten und kommende Events zu besuchen!

Zu Fuß

Blogger: Sabine Lomberg

Ein theatralisch-musikalischer Theaterspaziergang mit Darstellern des Improvisationstheater „Emscherblut“

Zu dieser Aufführung hatte ich diesmal die längste Anreise im Neanderland und freute mich sehr darauf die Stadt Monheim kennenzulernen.

Das 1987 gegründete Ensemble „Emscherblut“ (www.emscherblut.de) besteht derzeit aus 10 Darstellern und Musikern. Bei dem Rundgang durch Monheim sind sie mit vier Schauspielern und 2 Musikern angereist (Gitarre und Geige).
Nach dem Treffpunkt am Rathausplatz in Monheim gab es 4 weitere Spielorte.

Es wurden den zahlreich erschienenen Zuschauern jeweils Themen/Genres/Emotionen vorgegeben, zu denen seitens der Zuschauer Stichworte eingebracht werden konnten. Die passensten oder ungewöhnlichsten wurden dann vom Ensemble ausgewählt und nach dem Herunterzählen „5-4-3-2-1…, dem Markenzeichen der Gruppe „Emscherblut“, ging es dann los.

An den Haltepunkten „Ulla-Hahn-Haus“, Spielplatz vor einem Kindergarten, einem Tor zur Altstadt (Standesamt), und dem Platz/Ecke Zollstr. Konnten die Darsteller ihr schauspielerisches und musikalisches Talent zum Besten geben. So wurde das Toastbrot-Musikal, der Krimi „Entführung der Kindergärtnerin“ und ein Lied zu „Romeo und Julia, nach 30 Jahren wilder Ehe“ uraufgeführt.

Die Darsteller waren mit sehr viel Spielfreude angreist und haben souverän aus den vermeindlich unsinnigsten Stichworten, schöne Geschichten erfunden, die die Zuschauer begeisterten. Für die originellsten Stichworte erhielten einige Zuschauer ein kleines Fläschen Emscherblut, mit unbekanntem Inhalt überreicht.

Insgesamt ein lockerer, amüsanter Abend, Theater in Bewegung, man musste nicht starr auf seinem Stühlchen sitzen und ich habe eine weitere, freundliche Stadt im Neanderland kennen gelernt.

Zu Fuß

Blogger: Ella Harrison

Monheim a.R. ist als Kulisse gut gewählt. Es wird jedoch schnell deutlich, dass „Emscherblut“ quasi an jedem Ort der Erde ein großartiges Spektakel aufziehen könnte.

Märchen, Musical (das Toast-Brot Musical !!!), historische Anekdoten – auch gerne mal im Ruhrpott-Slang, Drama, Crime – ein buntes Potpourri an höchst unterhaltsamen Show-Einlagen, hervorragend deklamiert, gesungen, gemimt und gespielt von stimmgewaltigen und ausdrucksstarken Künstlern, die auch gerne einmal selbst mitlachen.

Meine persönlichen saukomisch-Highlights: Holger: „Ich dachte, ich würde ein Held – aber mein Pferd macht das!“, „Wo gewiehert wird, da fallen Späne.“…, das magische Toast-Brot – frisch geliefert von Amazon Overnight sowie Romeo & Julia, ein Thema, welches – mag man der ironisch schnaubenden Linda Glauben schenken - als Publikumsvorschlag „wirklich noch überhaupt gar-niiieee dagewesen ist“ und daraufhin schwupps als „Romeo & Julia - 30 years after“ inszeniert wird.

Unbezahlbar auch die Blicke der Passanten, die hier und da in das Geschehen einbezogen werden. Selbst das Publikum muss am Ende mit anpacken. „The Beauty & the Beast“ als Marionetten-Theater. Wer wird ausgewählt? Ich! (… eigentlich ja immer…). Für meine zweifelhafte Performance erhalte ich ein Fläschchen „Emscherblut“-Likörchen – wie auch alle anderen Gäste, die mit ihren absurd-witzigen Vorschlägen und Zurufen das Geschehen befeuern.

Als der Spuk nach 90 Minuten zu Ende geht – bin ich gerade richtig warm. Für mich hätte es noch 2 Stunden weitergehen können.

Fazit: Wenn man irgendwo auf einem Plakat das Wort „Emscherblut“ liest - Hingehen !


Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Blogger: Olympia Grazia Glomb

Zwei Freunde treffen sich an einem Steg zum Angeln. Beide sind inzwischen pensioniert. Früher haben sie als Staatsanwalt Conny und Kommissar Göran gemeinsam gearbeitet. Jetzt rollen sie die alten Fälle noch mal auf und stellen sich als Freunde die Fragen, die sie als Kollegen nicht klären konnten.

So auch im Fall des hundertjährigen Allan Karlsson, der an seinem Geburtstag aus einem Fenster des Altersheims floh und unter mysteriösen Umständen verschwand. Gemeinsam gehen sie die Akten durch und rekonstruieren was dem Hundertjährigen an dem Tag widerfahren ist. Auf seiner Flucht vor der Langeweile im Altersheim begegnet Karlsson einigen seltsamen Gestalten. Zuerst kauft er für sein letztes Geld eine Busfahrkarte und wird unfreiwillig der Besitzer eines Koffers. An einem unscheinbaren Ort angekommen lernt er einen siebzig Jährigen kennen. Hier öffnen die zwei den Koffer und sehen, dass er voller Geld ist. Der Ganove, der den Koffer sucht, wird nicht so ganz absichtlich bei Seite geschaffen. Gemeinsam begeben sich die zwei älteren Herren auf Reise. Sie treffen auf weitere Personen und werden von weiteren Ganoven verfolgt. Am Ende des Tages sind mehrere Schwerverbrecher unter merkwürdigen Umstände zur Tode gekommen.

Aus den Duo wird im Laufe der Geschichte eine Truppe, die sich mit dem Geld abgesetzt und Ende nicht mehr aufzufinden ist. Parallel zu dem Angelausflug und den Ereignissen des Tages, als Karlosson aus dem Fenster stieg, erzählen die Darsteller Geschichten aus dem Leben des Hundertjährigen. Herr Karlsson hatte ein bewegtes Leben. Obwohl er ein einfacher Mann war und immer betont hat nicht politisch interessiert zu sein, hat er in seinem langen Leben einen sehr engen Kontakt zu vielen politischen Größen ganz zufällig aufgebaut. Im spanischen Bürgerkrieg begegnet er in seiner Funktion als Brückensprenger General Franco, der sein bester Freund wird. Später liefert er einen Tipp zum Bau der Atombombe. Er überquert den Himalaya und wird zwischenzeitlich Spion. Im Alter kehrt er nach vielen weiteren Abenteuer nach Schweden zurück. Mit 99 Jahren muss er dann ins Altersheim, weil er einen Fuchs, gleich mitsamt seinem ganzen Anwesen, in die Luft sprengt.

Das Schauspielduo erzählt sehr geschickt die Geschichte „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ nach dem erfolgreichen Debütroman des Schwenden Jonas Jonassen. Mit dem Angelausflug von Staatsanwalt Conny und Kommissar Göran setzt das Ensemble vom Theatrium Steinau um die parallelen Erzählungen von den Geschehnissen des Tages und den Lebensereignissen Karlssons einen weiteren Rahmen. Puppenfiguren verleihen Karlsson und den weiteren Charakteren ein Gesicht. Die vielen politischen Größen werden am Angelhacken als dicke Fische aus dem Wasser gezogen. Kurze Einblendungen von z.B. Sprengungen werden auf einer Leinwand im Hintergrund projiziert. Auf der Bühne wird gesungen und getanzt. Alle Mittel der Darstellung sind fein aufeinander abgestimmt. Wenn man sich als Zuschauer auf das Schauspiel einlässt, ist es ein warmes Lagerfeuergefühl, das einen plötzlich umgibt. Erst im Nachhinein merkt man, wie neben der Unterhaltung auch die Umsetzung Geschichte zum Nachdenken anregt. So wild das Leben für den Hundertjährige auch war und so unpolitisch es auch sein sollte, die dicken Fische hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Es ist ein etwas anderes Theaterstück. Eine einmalige Gelegenheit Schauspieler und Puppen gemeinsam auf einer Bühne zu erleben.

Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Blogger: Nadine Mauch

Der Staatsanwalt Conny und der Kommissar Göran treffen sich jeden Morgen zum Angeln. Aus dem Archiv wird eine Akte geschmuggelt und die betagten Herren gehen diesen besonderen Kriminalfall noch einmal auf den Grund. Den rätselhaften Fall des hundertjährigen Allan Karlsson.

Die Geschichte seiner mysteriösen Flucht und zugleich die beeindruckende Lebensgeschichte eines eigensinnigen Mannes, dem Politik nichts bedeutete, aber der auf seinem Lebensweg nahezu alle politischen Größen des 20. Jahrhunderts getroffen hat.

Soweit zum Inhalt des Buches und auch Films. Basierend auf Jonas Jonassons Bestsellererfolg wird dem Zuschauer ein witziges Rollenspiel dargeboten, welches mit Schauspielszenen und Live-Musik überzeugt.

Vor dem Stück steigt beim Zuhörer die Spannung, was erwartet mich und wie werden die Szenen umgesetzt. Dann folgen über zwei Stunden innovative, unterhaltsame, interessante und liebevolle Szenen. Es wird gesprochen, musiziert, Figurentheater gespielt und auf der Leinwand finden sogar große Explosionen statt. Die Erzählung der Lebensgeschichte des 100 Jährigen Allan oder die welche er gerne als seine verkauft, wird dem Publikum nachvollziehbar dargestellt, die Szenenwechsel zwischen Erlebnissen und nachträglichen Ermittlungen sind gekonnt inszeniert.

Mir ist es als Zuschauer immer gelungen der Handlung zu folgen und die Geschichte zu verstehen. Die politischen Größen des letzen Jahrhunderts begegnen Allan, so gibt das Figurentheater einen Einblick in die damalige Zeitgeschichte. Mir wird verdeutlicht, was in 100 Jahren auf unserer Welt alles an weltbewegendem passieren kann. Offenkundig ist Alkohol ein wichtiger Bestandteil von Politik, man trinkt Brüderschaft, wobei im nächsten Augenblick bei einer falschen Äußerung kann die erst besiegelte Freundschaft auch schnell wieder vorbei sein...

Die Musik und der Gesang laden zu mitwippen und klatschen ein. Die Politiker der Zeitgeschichte gehen den Darstellern immer als dicke Fische ins Netz, was sie auch waren.

Die Figuren und kleinen Autos sind liebevoll und detailverliebt. Die Figuren wurden von der Künstlerin COCO ROUGE hergestellt. Das Stück macht nachdenklich und erheitert.

Wenn ich ehrlich bin, bleibt ein Rest offen, was war passiert und was erfunden, doch so ist das Leben: Realität, Träume und Geschichten alles läuft zusammen und am Ende schreibt jeder Einzelne von uns seine eigene Geschichte und diese Chance sollte wir nutzen, weil das Leben kostbar ist und es nicht wie im Theater eine Generalprobe für unser Leben gibt!!!

Ich gehe mit der Erkenntnis nach Hause, alt werden ist wertvoll und in Deutschand sollten wir weniger Angst davor haben, da es kostbar ist 100 Jahre oder mehr zu Gast auf dieser Erde sein zu dürfen und viele bezaubernde Geschichten erleben zu dürfen genau wie ich heute Abend...


Das Wetterlabor

Das Wetterlabor

Blogger: Olympia Grazia Glomb

Das Wetterlabor – mehr als ein Escape Room

Eine Gruppe von Wissenschaftlern hat über den Kreis Mettmann eine Maschine eingesetzt, um das Wetter zu manipulieren. Diese funktioniert jedoch nicht mehr richtig und es drohen schlimme unkontrollierbare Unwetter.

Zwei Wissenschaftler in weißen Kitteln empfangen die Gruppe von sieben Mitspielern und erklären, dass die Kollegen/innen hinten im Labor nun dringend Hilfe brauchen und die Mitspieler sechzig Minuten Zeit haben um das Schlimmste zu verhindern. Nach den letzten Anweisungen begleiten sie die Personen in das Wetterlabor. Die Türen schließen sich und das Spiel beginnt. Als Mitspieler sieht man sich plötzlich in einem Labor mit sechs fremden Personen gefangen und fragt sich was jetzt auf einen zukommt. Es blinkt und piept die Wettermaschine ist außer Kontrolle. Die Laborleitung ist in einer Tiefschlafkammer gefangen und als erstes soll die Tür geöffnet werden. Aus der Kammer befreit droht die Leitung aber sofort wieder in den Tiefschlaf zu fallen. Es muss wieder schnell gehandelt werden. Die richtigen Informationen helfen dabei eine Aufwachtinktur zu mixen. Nach dem Trank kommt die verwirrte Laborleitung zu sich und erklärt die nächsten Schritte.

Um eine Wetterchaos zu verhindern soll die Wettermaschine neu eingestellt werden. Die ersten Aufgaben sind schnell gelöst. Weitere Räume im Wetterlabor öffnen sich und weitere Charakter kommen ins Spiel. Die Situation ist plötzlich ganz anders als eben noch gedacht. Alles wird auf den Kopf gestellt. Eine Herausforderung jagt die andere. Jeder einzelne bringt sich ein und alle können etwas zur Lösung des Problems beitragen. Die einen rechnen Matheaufgaben, die anderen suchen nach fehlenden Informationen. Keiner der Mitspieler ist in der Situation unentbehrlich. Ohne aus der Rolle zu fallen versorgen die verwirrte Laborleitung und die gewissenhafte Assistenz die Mitspieler mit den wertvollen Hinweisen und lenken das Spiel in die richtige Richtung. Die Zeit rennt und man merkt selbst nicht, wie schnell sie tatsächlich vergeht. Nach einer gefühlten viertel Stunden sind bereits 58 Minuten vergangen. Kurz vor dem Enden stellt sich eine letzte moralische Frage. Wollen wir das Wetter durch die Maschine weiter manipulieren oder soll das Wetter sich selbst regeln? Als Einzelspieler begonnen, entscheiden alle am Ende gemeinsam als Team und stoppen die Wettermaschine. Im letzten Augenblick ist der Kreis Mettmann vor der Unwetterkatastrophe gerettet.

Die interaktive Escape Room Situation ist spannend und aufregend vom Anfang bis zum Schluss. Durch die großartigen mitspielenden Darsteller/innen und die außergewöhnliche Geschichte wird man plötzlich selbst zu einem Charakter im Stück. Nicht nur das Raten und Lösen der Aufgaben spielt hier eine Rolle. Das eigene Handeln bestimmt den Verlauf und das Ende der Geschichte mit. Verschiede Ausgänge sind möglich. Das Wetterlabor ist sehr empfehlenswert für alle Besucher.

Das Wetterlabor

Blogger: Rolf Müller

Meine erste Escape-Room-Erfahrung beginnt. Jeder Teilnehmer wird mit einem fiktiven Namensschild zu einem Wetter-Wissenschaftler und trifft in den geheimnisbergenden Räumen auf ebensolche – dargestellt von Schauspielern.

Die Not ist groß: Der Kreis Mettmann wird von Unwettern apokalyptischen Ausmaßes heimgesucht. Wir befinden uns im Herzen der Wettermaschine – im Wetterlabor eben – und sind die einzigen, die die Wetter-Katastrophe noch abwenden können. Jene Wetter-Profis, die sich schon länger mit der Materie befassen, sind mit ihrem Latein am Ende. Sie wissen, welche Probleme gelöst werden müssen, benötigen jedoch beim wie unsere Unterstützung. Also müssen wir ran. Rätsel für Rätsel will geknackt werden: Mal hilft systematisches Absuchen der Umgebung, mal eine Zahlenknobelei und auch rudimentäre Chemiekenntnisse können den Weg zur Problemlösung ebnen. Völlig egal, wenn nicht jeder Besucher jedes Fach beherrscht: Letztlich kommt's auf‘s gute Miteinander an. Es gibt genügend Aufgaben, die alle Kräfte und ein gutes Auge fordern. Wenn das Kopfzerbrechen zu weit in die Sackgasse führt, ist glücklicherweise auf die Wetterprofis verlass: Zart dosierte Hinweise bringen die Gruppe, wenn nötig, aus der Bedrängnis. Nur bei der letzten Aufgabe hilft kein Wetterprofi, kein Faktenwissen und kein geschicktes Kombinieren mehr. Da muss die Gruppe eine moralische Entscheidung treffen. Und davon hängt ja bekanntlich das Überleben aller Bewohner des Kreises Mettmann ab. Der Untergang rückt Minute für Minute näher...

Die knappe Stunde im Labor fühlte sich für mich an, wie zwanzig Minuten. Die Schauspieler so hautnah als Kollegen zu erleben, hat einen ganz besonderen Reiz und wirkt wider Erwarten niemals künstlich. Als mir auf dem Heimweg die Abendsonne ins Gesicht scheint, bin ich erleichtert und auch ein bisschen stolz, dass unsere Gruppe das drohende Unheil für Langenfeld und Umgebung abwenden konnte. Muss ja niemand wissen, dass wir das waren!

Das Wetterlabor

Blogger: Ella Harrison

Der Schaustall Langenfeld: Loft meets Party-Keller meets Jugendzentrum meets 70er-Jahre-Kinderzimmertapete. Man weiß nicht genau, wohin man als erstes gucken soll – weil aber auch so gar nichts zusammenpasst. Also, „schön ist anders“ - aber deshalb sind wir ja nicht hier…

Das Escape-Game. Wirklich klasse! Großer Spaß! Sorgfältig geplant, detailverliebt gestaltet, einnehmend, spannend, humorig, „machbar“ – wenn uns auch hier und da die ganz beiläufig eingestreuten Hinweise aus der Regie recht willkommen sind.

Ansprechende darstellerische Leistung der „gastgebenden Wissenschaftler“. Offensichtlich macht ihnen selbst das Ganze auch einen Heiden-Spaß.

Fazit: Hingehen !

Das Wetterlabor

Blogger: Michael Trommer

Theatrales Escape Game mit Performenden

Im Rahmen der neanderland BIENNALE 2019 besuchte ich heute mit Partnerin einen Escape Room im Schaustall Langenfeld.

Unsere Gruppe von sieben Personen traf sich eine halbe Stunde vor Beginn in der Kantine des Schaustalls, um sich kurz kennenzulernen. Jeder bekam ein fiktives Namensschild und - hastenichgesehen - wurden wir im Rahmen der anstehenden Laborsituation zu Doktoren befördert.

Das grundsätzliche Format eines „Escape Rooms“ dürfte den meisten Lesern klar sein: Teilnehmer werden in einem abgeschlossenen Raum in eine fiktive Situation versetzt, in der sie mit Hilfe von zu knackenden Rätselcodes, Puzzeln oder zu öffnenden Schlössern innerhalb von sechzig Minuten ein Rätsel zu lösen haben, um den drohenden Weltuntergang, eine Atomexplosion oder sonstige durchaus unangenehme Szenarien zu verhindern.

Da ich dies schon einmal in Hamburg mit meiner Tochter zu zweit erlebt hatte (wir erreichten die Lösung zehn Sekunden vor Schluss), meinte ich, heute hier schon erfahren und weise auftreten zu können. Weit gefehlt: alles war neu und völlig anders! Zunächst gab es nicht nur die Gruppe für sich, sondern noch drei Schauspieler/-innen, die uns einwiesen und dann während des Spiels mit immer neuen Fragestellungen versorgten. Sie machten das mit überzeugenden und schön zu verfolgenden Zwischenszenen. Es galt, eine Wettermaschine, die außer Kontrolle geraten war, mit allen Beteiligten wieder zu „bändigen“. In Zeiten des Klimawandels durchaus ein nicht allzu fernes Thema. Hier war Teamdenken, Logik und ein bisschen Mathe gefragt, damit am Ende alles wieder richtig regnete, stürmte und sonnte – speziell natürlich im Kreis Mettmann.

Zusammengefasst war es dank der gut ausgedachten Rätsel und Schauspiel-einlagen eine spannende und unterhaltsame Stunde. Dank gilt der Gruppe für ein nettes Teamwork und den Akteuren für das gut vermittelte „Feeling“ durch Schauspiel und Requisiten. Was nehme ich mit? Viel Spaß und die Erkenntnis, dass ich eine neue Brille brauche, um Zahlenschlösser wieder besser lesen zu können.


Der Untergang der Titanic

Der Untergang der Titanic

Blogger: Sabine Lomberg

Heute möchte ich euch meine Eindrücke von der Aufführung „Untergang der Titanic“ schreiben. Es handelt sich hierbei um eine Komödie in 33 Gesängen und 16 eingeschobenen Gedichten von H.M. Enzensberger, vorgetragen von Andreas L. Maier, Soundtrack Gregor Schwellenbach.

Vor der Aufführung konnten wir noch einer kleinen Einführung und danach einer Nachbesprechung beiwohnen, die mir so gut gefallen haben, dass ich Sie extra erwähnen möchte.

Einführung durch Julia-Huda Nahas (Autorin und Regisseurin, Kulturpädagogin (B.A.), s.a. www.julianahas.com)

Wer, wie ich, nicht zu den regelmäßigen Theater- und Lesungsgängern gehört und im Deutschunterricht der Oberstufe körperlich, aber pubertätsbedingt geistig nicht anwesend war, konnte hier sehr viele interessante Informationen über den Autor, sein Leben und des Werkes sowie des heute vortragenden Andreas L. Maier „abgreifen“. Mit einer spürbaren Begeisterung für das darzubietende Werk und vor allem seines Erschöpfers wurde durch die Erläuterungen Frau Nahas‘ die Einführungsrunde lehrreich, aber auch kurzweilig gestaltet . Auch der aktuelle Bezug des Werdegangs Enzensbergers mit dem Youtuber Rezo (der Großteil der Anwesenden dürfte den Namen des Youtubers vielleicht gehört haben aber seinen, die großen Parteien vor der Europawahl kritisierenden Text und die seit Tagen damit verbundene Aufregung nicht gekannt bzw. verstanden haben). Enzensberger kritisierte zu Beginn seiner Laufbahn, als 27-jähriger Jungschriftsteller das Spiegel-Magazin auf das Heftigste, der 27-jährige Rezo die großen deutschen Parteien. Enzensberger, als aufgehender Meinungsmacher wurde damals kurzerhand vom Spiegel-Verlag engagiert „unser“ Rezo und damit die ganze junge Youtuber Nation als heutige Meinungsmacher sollen über Gedanken für neue Gesetze, die die freie Meinungsäußerung beschränken sollen, mundtot gemacht werden. Ein gewagter aber durchaus berechtigter Vergleich.

Haupteil: der Vortrag

Frau Nahas hat in Ihrer Einführungsrunde eine wirklich besondere Aufführung des Werkes „Untergang der Titanic“ durch Herrn Mayer (Schauspieler, Sprecher, Moderator, Dozent, Coach, s.a. andreaslaurenzmaier.de) mit der musikalischen und akustischen Begleitung (vom Band) versprochen.


Zu der Geschichte des Untergangs muss man ja nicht viel sagen, weil bekannt: Tausende Menschen brachen im April 1912 in Britannien auf in ein neues Leben in den USA, die 1. Klasse im oberen Deck, abgeschirmt von den „Anderen“ im Unterdeck. Das als unsinkbar geltende Schiff gerät in der Nacht zum 15. April 1912 zu nah an den unsäglichen Eisberg, der schlitzt das Wunderwerk unterhalb der Wasserkante der Länge nach auf. Der „Kahn“ sinkt innerhalb weniger Stunden während die Kapelle bis zum Ende weiterspielt, die Rettungsboote sind nicht ausreichend vorhanden und auch nicht vollbesetzt, nur mit Fahrgästen der 1. Klasse natürlich. Mehr als 1.500 Menschen, hauptsächlich der 3. Klasse sterben.


Da fragt man sich, wie konnte Enzensberger hierzu eine „Komödie“ schreiben? Und auch noch in 33 „Gesängen“? Der Text wird vorgetragen und nicht geträllert? Also es soll sich hier um ein Werk in Anlehnung an Dantes „Göttliche Komödie“ in ebenfalls 33 Gesängen handeln - ich nehme das als Kleingeist mal so hin und erkläre das lieber mit dem literarischen Stilmittel zum Aufzeigen von gesellschaftlichen Missständen. Hier kann man gerne auch Parallelen ziehen zu unserer heutigen Zeit. Auch heute brechen Menschen (3. Klasse, die Flüchtlinge), in der Hoffnung auf ein besseres, sichereres Leben in die Ferne auf und ertrinken vor den Augen (und Ohren) der 1. Klasse (Wir, die westliche Welt). Das soll aber hier nicht das Thema sein. Wir durften, meiner Meinung nach, an einer der äußerst gelungen Darbietung von Enzensbergers „Titanic“ mit einem wirklich hervorragenden Künstler, Andreas L. Maier, den ich hier anerkennend nur „Mr. Titanic“ nennen möchte, teilhaben.


Ständig Blickkontakt, mit dem wetterbedingt (Sonntag, 30 Grad!) nicht so zahlreich erschienenen Publikum suchend, trug Mr. Titanic überzeugend mit teils ruhiger, dann mal aufgeregter, in Panik schreiender, wiederum auch süffisanter Stimme die Verse und Gesänge vor. Mal laut, mal leise, gefühlvoll, eiskalt. Jeweils zur passende Stimmung der Texte. Hierbei wurde der gesamte Bereich der Bühne und der Bereich daneben mit einbezogen, um einzelne Episoden des Werkes abzugrenzen. Durch die gelungene, zwischen den Kapiteln eingefügten, musikalischen und akustischen Elemente, wie einige bekannte Lieder aus den 50er, 60er Jahren (evtl. auch früher) mit maritimen Bezug, sowie akustische Komponenten wie das Klackern eines Fernschreibers, wurde die ganze Darbietung sehr lebendig und kurzweilig gestaltet. Mr. Titanic hat es sehr gut verstanden mit dem Text und seiner Betonung zu spielen – immer mit Blick auf sein Publikum, dass ihm aufmerksam an den Lippen hing.

Nachbesprechung mit Julia-Huda Nahas, Andreas L. Maier und dem Publikum

Am Ende, der vom Publikum begeistert aufgenommen Aufführung, wurde uns noch die Möglichkeit gegeben Fragen an Frau Nahas und Hr. Maier zu stellen. Hierbei durften wir dann erfahren, dass Hr. Maier den „Untergang der Titanic“ bereits vor 16 Jahren in dieser Form „performed“ hat. Die vom Band abgespielten, einleitenden Worte eines Erzählers wurde auch von Herrn Maier selbst, vor 16 Jahren aufgenommen. Dieser Umstand war kaum Jemandem, bis auf wenigen Zuhörern aus dem Publikum, aufgefallen. Über die Jahre wurde das Werk immer wieder von Mr. Titanic aufgeführt. Die Art der Performance kann, seiner Aussage nach, je nach Stimmungslager - seiner selbst oder des Publikums - etwas variieren. Die Betonung verändert sich, die Darbietung kann launiger aber auch bedrückender werden. Durch diese nun „16-jährige Ehe“ von Mr. Titanic zu „seinem“ Werk bzw. seiner Darbietung erklärt sich auch die spürbare Nähe, Vertrautheit des Vortragenden mit dem Werk.


Fazit:
Eine wirklich sehr gelungene Aufführung für die neanderland Biennale, die wirklich ein größeres Publikum verdient hätte!


Eure Sabine

Der Untergang der Titanic

Blogger: Dirk Kastaun

Das Vorhaben, den Text von H.M. Enzensberger (1978 veröffentlicht) über die uns allen bekannte verhängnisvolle Schiffsreise und Katastrophe der Titanic, wieder zum Leben zu erwecken, ist hervorragend aufgegangen. Dank der wunderbaren szenischen Lesung von Andreas L. Maier. Das Buch hatte ich Ende der 70iger Jahre in einem Buchgeschäft in Mettmann (gibt es schon lange nicht mehr) in der der Hand und darin herumgeblättert. Ich wunderte mich, dass ein Schiffsunglück in Versform als Gedicht behandelt wurde. Dies schien mir vor allem für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich, wahrscheinlich ist es das heute noch. Später versuchte ich es zu lesen, was schwierig war, da der Text neben der dramatischen und lyrischen Handlung in Versform aus Texten bestand, die die Handlung auch kommentierten, so gab es Bildbeschreibungen, Exkurse, Reflexionen und Statistiken u.a. die Speisekarte der Titanic usw. aber vor allem wurde deutlich , dass der Autor 10 Jahre mit dem Stück beschäftigt war. Der Text ging ihm sogar verloren, er fing neu an, hatte aber einiges vergessen, verwarf einiges, änderte immer wieder den Text. Ich bin damals an dieser „Sprunghaftigkeit“ gescheitert.

Jetzt erst viele Jahre später bei der Neanderland-Biennale 2019 durch die Lesung von Hrn. Andreas L. Meier , der es verstand mit seiner ausdrucksstarken Minimal-Mimik und einer hinreißenden Betonung des Textes einen Sog entstehen zu lassen in dem die Ironie, der sicherlich komplizierte Humor, der Zynismus aber dann auch wieder die Dramatik der Fahrt gegen den Eisberg, für mich erstmals verständlich wurde. Dies lag auch daran, dass die Reflexionsanteile des Textes, nicht gelesen sondern vom Band kamen. Es gab atemberaubende Momente. Wenn Hr. Meier uns ohne Vorwarnung anschrie: “Lasst mich raus“, war jeder im Saal geschockt, niemand war darauf vorbereitet… Es gab wohl auch kaum jemanden der nicht bei den Beschreibungen in den Rettungsbooten an das aktuelle Geschehen zur Rettung der Flüchtlinge durch die mutige Kapitänin Fr. Rackete vor der italienischen Küste, denken musste. Vielleicht ist auch das der Grund warum dieses Stück Literatur zu recht in unsere Zeit geholt wird.

Mir war zum ersten Mal klar – dies ist ein Text der gehört werden muss und nicht leise gelesen werden sollte. Der anschließende Applaus und das Zuschauer noch zur Diskussion bleiben wollten bestätigte meine Einschätzung.

Und doch spürten wir Zuhörer/Zuschauer geht es im Text um mehr als um eine, wenn auch dramatische Schiffskatastrophe. Es ging um Arm und Reich („wer arm ist geht schneller unter“) es ging um Fortschrittsgläubigkeit und deren Grenzen. Vielleicht ist die Titanic gar nicht untergegangen, so Enzensberger, denn sie existiert ja noch in Filmen und in den Medien sie fährt noch als „Geisterschiff“ und es geht um den Untergang von uns allen .

Ob und wie weit ich oder andere dem folgen wollen bleibt uns selbst überlassen. Der Autor bietet keine Lösung an , auch die Verkürzung auf 60 Minuten -Text der Lesung, eine gute Entscheidung, führt nicht wirklich zu einer klaren Aussage.

Es bleibt für mich eine wunderbare, eindrucksvoll vorgetragenen Lesung, die in dem schönen Ambiente von QQTec sehr atmosphärisch vorgetragen wurde. In einer Umgebung von alten Radiogeräten , einer Wurlitzer-Musicbox u.a. mit Unterstützung eines zusammengestellten Soundtracks von Hrn. Gregor Schwellenbach – mit der Musik von Zarah Leander , Bruno Balz (das kann doch einen Seemann nicht erschüttern - davon geht die Welt nicht unter) Otis Redding (Dog of the bay) u.a. Vor und während der Vorstellung brachte der Vorleser Hr. Meier die Eiswürfel auf unseren Bistro-Tischen erst zum Leuchten dann später zum Flackern. Ein zusätzlicher schöner Einfall, ein schöner Abend.

Der Untergang der Titanic

Bloggerin: Nadine Mauch

Ein warmer Sommerabend, vielleicht der heißeste des Jahres, da passt der Untergang der Titanic irgendwie gut ins Programm.
Ich war noch nie im QQTec in Hilden, eine kleine Fabrikhalle, die einen von alten Zeiten träumen lässt, um dem Leser eine Vorstellung davon zu geben füge ich einige Fotos an. In der Einführung zum Stück vergleicht Frau Nahas Enzensberger mit Rezo und ja da ist was dran, der Untergang der Titanic, der Kubas und der längst vergangene Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg. Enzensberger sprach unbequeme Themen an und wurde vom Spiegel eingestellt. Rezo bringt den Untergang der Volksparteien ins Gespräch und erntet von diesen Kritik anstatt eingestellt zu werden. Das regt zum Nachdenken an und schon beginnt die Lesung.

Der Soundtrack erinnert an längst vergangene Zeiten, der Zuhörer fühlt sich dahin zurückversetzt und kommt sich zeitweise vor als sei man selbst mit an Bord. Die fröhliche Stimmung, dass mondäne Schiff und der Luxus. Auch die kleinen Sünden und Geheimnisse bleiben nicht unerwähnt. Andreas L Maier lässt den Zuhörer erahnen wie es damals bei dem Untergang der Titanic war. Seine Stimme ist einprägsam als Zuhörer lauschte ich gespannt. Das Schiff rammte den Eisberg und so wurde aus dem Lebenstraum vieler ein Alptraum ohne jede Vorahnung. Das Wasser stieg langsam aber unaufhörlich. Andreas L. Maier macht die Ängste der Passagiere erlebbar. Die unteren Decks trifft es zuerst, da es nicht genügend Rettungsbote gibt macht sich Panik breit, Schleusen und Türen werden verschlossen, jeder denkt nur an sich, dieses Gefühl wird dem Zuhörer eindrucksvoll vermittelt, bis zum Ertrinken des einzelnen, wenn das Wasser sich unaufhörlich seinen Weg sucht.

Die Brücke nach Kuba, was auf den Untergang wartet, und die Parallelen zu einem Deutschland was seinen Untergang bereits hinter sich hatte sind allgegenwärtig. Die Sprünge in der Szenischen Lesung sind gekonnt inszeniert und der Zuhörer verliert nie den Faden. Die traurige Erkenntnis, dass auch auf der Titanic der Arme zuerst stirbt, stimmt nachdenklich und erweckt bei mir Parallelen zum aktuellen Weltgeschehen.

Leider und viel zu schnell ist nach 60 Minuten alles vorbei, die Titanic ist untergegangen, doch was bleibt sind die wundervolle Tonspur vom Komponisten Gregor Schwellenbach und die beeindruckende Lesung von Andreas L. Maier, selten wurde mir in einer Stunde so viel vermittelt. Geschehnisse vergangener Zeiten und Denkanstöße für das hier und jetzt, um die Zukunft gestalten zu können. Zeit ist kostbar und endlich, möglicherweise sind wir im Tod doch alle allein.

Dieser Abend hat sich gelohnt und als ich nach draußen ging, fing es an zu regen an diesem doch sehr heißen Sommertag, auch der Wettergott hatte ein Einsehen und spielte zum Untergang der Titanic mit.

Der Untergang der Titanic

Blogger: Christiane und Dr. Martin Fornefeld

Der Untergang der Titanic oder Kopfkino durch die Ohren

Andreas L. Maier lud zur Hörreise auf die Titanic ein. Ein faszinierender Weg zum Untergang, geführt mit ruhigen Worten und entschleunigten Sätzen im Gegensatz zum sich abzeichnenden Chaos auf dem Schiff. Kulisse ist das QQTec in Hilden, ein magischer Ort für diese Lesereise.

Die Titanic geht unter bei 30 Grad im Schatten. Mit uns sitzen 30 Mitfahrer im Boot, um zu erfahren, wie es wirklich war. Mit Magnus Enzensbergers Gedichtvorlage entstehen Bilder im Kopf, die eindrücklicher sind als Full HD Bilder auf einer Leinwand. So entsteht in der minutiösen Darstellung des Aufschneidens des Schiffrumpfes durch den Eisberg eine Vorstellung davon, wie langsam unerbittlich knarzend der Riss sich fortentwickelt und das Unheil seinen Lauf nimmt. Der langsam stetig steigende Wasserspiegel in den Kabinen schwemmt das Anvertraute hinfort, allein der Zuhörer bleibt im Trockenen.

Magnus Enzensbergers Gedicht ist alles andere als verstaubt und trocken, wie wir es aus Schultagen häufig in Erinnerung behalten haben. Es ist ein mit passenden Adjektiven gespickter Text, der durch die hervorragende Interpretation von Andreas L. Maier zum Leben erweckt wurde. Der Schauspieler Andreas L. Maier hat uns gezeigt, wie ein professioneller Wortkünstler sein Publikum auf eine virtuelle Reise mitnehmen kann, wir fuhren erster Klasse. Drei Leseorte auf der Bühne und in der Halle sowie die Lieder und Klänge des Kölner Komponisten Gregor Schwellenbach gaben der Lesung die nötigen Reize um den Untergang als kurzweilige Reise zu erleben.

An diesem Abend ist es gelungen, eine Geschichte deren Verlauf und Ausgang wir alle kennen, aus einem völlig neuen Blinkwinkel zu erleben.

Wenn du vor die Wahl gestellt wirst, Film sehen oder Lesung hören, wähle diese Lesereise des Untergangs der Titanic.

Der Untergang der Titanic

Blogger: Eva Kirbisch

Was erwartet man, wenn man ein Stück besucht, in dem es um den Untergang der Titanic geht?

Jeder kennt die Handlung. Jeder kennt den Ausgang. Und genau das war der Reiz: Wie wird das Publikum gepackt?

Andreas L. Maier stellt sich dieser Herausforderung seit 16 Jahren. Seit 16 Jahren nimmt er die Zuschauer mit auf die Reise, angeregt durch ein Gedicht von Hans Magnus Enzensberger von 1978. Er taucht ein in Geräusche, in Szenen und Gedanken. Begleitet wird die Inszenierung durch Lieder, Klänge und Töne des Komponisten Gregor Schwellenbach. In der Nachbesprechung sagte eine Zuschauerin offen, dass sie sich zwischenzeitlich gefragt hätte: "Was mache ich hier? Was tu ich mir an?"

Doch beginnen wir von Vorne. Die neanderland BIENNALE führte mit ihrem 3. Stück nach Hilden in die Kulturstätte QQTec, mitten im Industriegebiet. Für Angereiste aus den Nachbarstädten war allein dieser Ort eine kleine Entdeckung. Zwischen Pokalen und antiken Radios führte Julia-Huda Nahas locker leicht und zugleich fundiert in das Stück und das Leben des Autors Enzensberger ein. Für Besucher, die sich vorher mit beidem nicht beschäftigt haben, war dies überaus wertvoll. Denn in den 60 Minuten der szenischen Lesung wechselten die Ebenen. Mal war man Zuschauer von Szenen an Bord, mal wurde man mitgenommen in die Gedankenwelt Enzensbergers als er das Gedicht auf Kuba schrieb und zuletzt Enzensbergers rückblickende Perspektive auf sein Werk, aufgezeichnet im verschneiten Berlin. Das forderte die gut 20 Zuschauer bei 30 Grad auf Klappstühlen sitzend heraus. Doch Andreas L. Maier ist der Wechsel der Ebenen mühelos gelungen.

"Der Anfang vom Ende ist immer diskret. Er beginnt mit einem Geräusch. Hört ihr es nicht?" Es ist der Moment, in dem das als unsinkbar geltende Schiff vor gut 100 Jahren auf den Eisberg trifft. So beginnt die Lesung. Alsdann erfahren wir von dem Gymnastiklehrer, der nicht schwimmen kann und nehmen an einer Führung durch den Palmsaal der Titanic teil. Mit Leichtigkeit deutet Maier auf die kostbaren Gemälde an den Wänden und wir sehen Plakate des QQTec. Er verweist auf die Verzierungen der Flügeltüren und wir sehen die Rolltore der Kulturstätte. Das macht Spaß und hier wird die Leichtigkeit der Umsetzung des Stückes vor Ort spürbar.

Ein mitgereiser Ingenieur erklärt, dass jede Innnovation auf eine Katastrophe zurück geht. Es sind diese Sätze, die hängen bleiben. Und dann kommt er endlich, der Schrei. "Lasst uns raus!" Die häufig erwähnte Ruhe ist für den Zuschauer nicht nachvollziehbar, irritierend. Hektik, Hysterie, Todesangst, Lärm - all das wird erwartet. Aber hier wird in ruhiger Grausamkeit beschrieben. "Wir zertreten die Zertretenden, ein panischer Pudding. Wir sinken lautlos." Zum Schluss: die Szenen auf den Rettungsbooten. Ein für tot gehaltener Japaner , liegend auf einer Tür, wird auf ein Boot gezogen und gerettet. Mit einen kleinem Wortspiel wird selbst in dieser dramataischen Situation ein Schmunzeln beim Publikum erzeugt.

Das facettenreiche Stück war niemals langweilig. Maier spielt die Charaktere - vom Rotweintrinker bis zum Kapitän - glaubhaft und authentisch. Die akustischen Einspielungen - Davon geht die Welt nicht unter - waren gut platziert und stimmig.

Dennoch fehlte etwas. Vielleicht ist es die enttäuschte Erwartungshaltung. Enzensbergers Sicht auf das Unglück, welches etwa 1.500 Menschen das Leben gekostet hat, entspricht einfach nicht dem Bild, welches wir von einem dramatischen Überlebenskampf vor Augen haben. In der Nachbesprechung wurde die sich aufdrängende Parallele zu den Ertrinkenden im Mittelmeer benannt. Ich kann und will mich mit Ruhe einem solchen Thema nicht widmen.

"Wir sitzen alle in einem Boot. Doch wer arm ist, geht schneller unter."


Heidi

Heidi

Blogger: Martin Hagemeyer

Ein Theaterspaß unter freiem Himmel, eine Geschichte, die jeder kennt: Zutaten für einen vergnüglichen Sommernachmittag. Wie schon zur Eröffnung in Erkrath rief die theaterland BIENNALE mit "Heidi" zum nächsten Freiluftstück - diesmal auf den Kirchplatz in Wülfrath. Johanna Spyris Naturkind in den Schweizer Alpen, im vornehmen Frankfurt übermannt von Sehnsucht nach den Bergen: Das ist bekannt, vielleicht auch rührend, und man schaut es sich gerne an. Gut besetzt mit Alt und Jung waren denn auch trotz Hitze die Stuhlreihen auf dem Platz.

Nicht so anders als am Vortag erkläre ich mir auch den Charme dieser Aufführung, er lag für mich wieder in den Einfällen: darin, was man machen kann aus begrenzten Mitteln. Begrenzt sind die Mittel bei kleinen, mobilen Produktionen wie diesen doch immer, und auch die Inszenierung vom NN-Theater heute wusste damit geschickt umzugehen, mehr: machte sich gerade aus dem "Behelf" einen Spaß.

Konkret zum Einen: die kleine, aber potente Bühne. Mal diente sie als Alpen-Schauplatz, von der Heidi und der Geißenpeter die Beine baumeln ließen, dann wieder mutierte sie umgeklappt zur Villa der Sesemanns. Am Rande, am Boden außerdem eine eigene Plattform für Musik und Aktion außerhalb der Handlung. Minimal war zum Anderen die Zahl von nur drei DarstellerInnen: Aischa-Lina Löbbert, Irene Schwarz und Michl Thorbecke spielten alle Rollen. Löbbert als Titelheldin war ohne Pause die Heidi, traf dabei gut das unschuldige Kind und brachte mit unverständlichem Schwyzerdütsch zum Lachen. Die anderen mussten ständig wechseln - Rollen und Kostüme. Puh!

Beide scheinbaren "Einschränkungen" nun (Bühne, Spielerzahl) wurden nicht etwa umgangen, sondern taugten immer wieder zum Quell von Komik. Zu sehen, wie das ging, war schön für die Kinder - ach Nonsens! Geben wir doch zu, für Zuschauer jeden Alters ist es Freude und Genugtuung, wenn sie wie in Zaubershows die kleinen Bühnentricks durchschauen: "Ruhig, Fräulein Klara!", mahnt Frau Rottenmeyer (so streng, wie sie sein soll: Irene Schwarz) Richtung Rollstuhl, in dem sie "das Mädchen" mit Blick zur Hinterwand quasi abgestellt hat. Da drin kann "es" aber gar nicht mehr sitzen, denn Michl Thorbecke (schön überdreht mit Perücke) tritt Sekunden später als Diener Sebastian auf und muss sich zum Umziehen längst aus dem Stuhl gestohlen haben. Augenzwinkernd auch der Einbau der Ziegen und Katzen, und ich lache dann gern vernehmlich: Das weiße Kätzchen taucht geschickt als Hand mit Handschuh auf, und nachdem es seine Schuldigkeit getan hat, landet es brüsk auf der Wäscheleine, die konstant die Bühne quert. Der süße Schnurrer, in echt ist er ja doch ein Kleidungsstück.

Und doch: Mir persönlich hat an diesem Nachmittag etwas gefehlt. Das liegt zum Einen daran, dass der "Heidi"-Stoff für mich ziemlich ernsthaft besetzt ist: Als Kind habe ich einmal eine mehrteilige Verfilmung mit René Deltgen als Öhi gesehen, die mir bis heute präsent ist. Es gab dort eine regelrecht gruslige Szene, als Heidi nachtwandelnd durch Sesemanns Haus spukte und vom Personal für einen Geist gehalten wurde. Auch sonst wurden dort die menschlichen Konflikte intensiv heraus gearbeitet. Und das nun fehlte natürlich beim NN-Theater - zwar logisch, denn heiter abwandeln will man dort ja gerade, aber das erklärt mein Befremden, wenn die Version heute bei mir zuweilen knapp vor Klamauk ankam. Notiert habe ich mir beim Schauen außerdem: "Ist denn 'Heidi' so ikonisch?" Das zielte ab auf eine andere Assoziationsebene, die bei mir aufploppte: Es gab an Theatern schon Versuche wie "Goethes 'Faust' gespielt mit Playmobilfiguren" oder auch "Shakespeares sämtliche Werke, leicht gekürzt". Auf simple Mittel bewusst, ja provozierend heruntergebrochen waren dort aber eben Mega-Stoffe und -Autoren, und erst das, denke ich, wird die Klein-Versionen so recht reizvoll gemacht haben.
Aber Heidi? Ironisch klein zu machen hätte bei Johanna Spyri wohl kaum gepasst, aber so richtig ernst nehmen, wie gesagt, konnte ich die Variante auch wieder nicht. Auch wenn man fairerweise sagen muss, dass ich das Dramatische punktuell dann doch wieder fand: wenn etwa Heidi von Tante Dete nach Frankfurt gebracht wird, man muss schon sagen: entführt, und Alm-Öhi das hilflos mitangesehen muss - und seinen längst lieb gewordenen Gast doch nicht halten kann.


Bürgerdinner Bankal Balkan

Bürgerdinner Bankal Balkan

Blogger: Susanne Holtmann

Ein gelungener Sommerabend mit großartiger Unterhaltung!

Eingeladen zur Eröffnungsfeier der neanderland Biennale befand ich mich unversehens inmitten einer Schar barock gekleideter "Französinnen", die mich zu meinem Platz an einen der zehn langen Tischreihen geleitete. Mit Tellern, Gläsern und Köstlichkeiten wurden die Tische von den Gästen selbst zur Tafel hergerichtet, die in festlich weißes Tischtuch und Bankhussen gehüllt bald einem Festbankett glich. Die heiteren Gesichter ringsum unterhielten sich von Beginn an munter und entspannt, während das Bläser-Ensemble der Jugendmusikschule Erkrath uns auf ihre Weise mit fetzig, fröhlicher Blasmusik begrüßte, u.a. mit bekannten Melodien aus den Filmen wie "James Bond" und "Indiana Jones".

Die offizielle Begrüßung durch Landrat Thomas Hendele und dem Bürgermeister der Stadt Erkrath, Christoph Schultz fiel ebenso entspannt wie gut gelaunt aus und knüpfte entsprechend der 35° Celsius Außentemperatur an die bestehende Urlaubsatmosphäre an. Nach wenigen Worten der Begrüßung und des Dankes an Mitwirkende und Organisatoren des Festivals nahmen die Herren dann auch wieder Platz inmitten der Gäste und wandten sich an ihrem Tisch bei Essen und Trinken der Geselligkeit zu.

Musik der Band "Die schrägen Vögel" unterhielt fortan die Gesellschaft, die offensichtlich aus ganzen Freundeskreisen und Familien bestand und die Picknicktafel unter dem Dach der Markthalle als Treffpunkt des Jahres gewählt hatte. Gut gewählt, kann man da sagen! Irische Tunes wechselten sich ab mit englischen, der Stil wechselte zwischen folkloristisch bis rockigem Jazz oder jazzigem Rock - so ganz klar war die Richtung nicht - aber sie gefiel bestens und brachte manche Gespräche ins Stocken, nicht nur manchmal wegen der Lautstärke sondern eher wegen Soloeinlagen von Gitarristen, Dudelsackspieler oder Schlagzeuger, die zu begeistern wussten.

Als würde das alles nicht schon für ein gelungenes Sommerabendfest reichen! Der unschlagbare Höhepunkt, das I-Tüpfelchen gelang dem Veranstalter mit dem Engagement der Truppe "Bankal-Balkan".

Auf der gegenüberliegenden Seite der Musikbühne stand eine Art Schaustellerwagen der antiken Art. Ich nutzte die Gelegenheit die Perspektive zu wechseln und setzte mich auf eine der Bänke, die wie vor Puppentheatern für Kinder aufgestellt waren. Punkt 21.00 Uhr erschienen mit einem Rumms! wie der Hase aus dem Hut dort, wo vorher die Vorderseite des Wagens war, drei komödiantische Musiker und eine Musikerin auf einer winzigen Bühne, die gleichsam das Innere eines Schausteller-/Zirkuswagens zeigte. Fortan zogen Tuba, Pauke, Klarinette und Akkordeon bzw. Clown, Clownin, der böse Iwan und der dumme August mit vollem Einsatz die Zuschauer in ihren Bann. Ab jetzt ist kein chronologisch geordneter Bericht mehr möglich, denn die Gleichzeitigkeit der Eindrücke von Musik, Clownerie, Artistik und Komödie, Klamauk und Akrobatik waren so packend. Diese Truppe zeigte eine großartige Show! Sie brachte das Publikum zum Staunen, Lachen, rhythmischem Klatschen, Grölen und sogar zum Tanzen. Traditionelle Clownerie verpackt in russische Folklore zum Brüllen komisch. Nach der Vorstellung, die so spontan endete wie sie begann, wusste keiner der Zuschauer mehr, so könnte ich wetten, welchen Inhalt die Worte "Sorgen, Probleme oder schlechte Laune" haben.

Und so fuhr ich selbst mit leerem Herzen, nur gefüllt mit Heiterkeit über die weiten Wiesen im sommerlichen Abendlicht nach Hause. Ein toller Abend!

Bürgerdinner Bankal Balkan

Blogger: Fritz Reich

Die Spiele haben begonnen. Gestern Abend wurde, durch den Landrat persönlich, die neanderland BIENNALE 2019 – Theater10 eröffnet. In Erkrath fand das fast schon traditionelle Bürgerdinner statt. Auch wenn die Tische nicht alle besetzt waren tat dies der Stimmung keinen Abbruch. Bei bestem Wetter fanden fast alle Gäste auf dem Bavierplatz unter der Markthalle ein schattiges Plätzchen. Mit stilvollen Perücken und in wallenden langen schwarzen Gewändern führen die Damen von „KuTiNea“ (Kultur- und TheaterInitiative Neandertal e.V.) die Gäste an den reservierten Tisch. Bei schmießiger und schwungvoller Musik von dem Bläser-Ensemble der Jugendmusikschule Erkrath und der Band „Die schrägen Vögel“aus Northeim ließ man sich gut unterhalten und die selbst mitgebrachte Speisen und Getränke schmecken.

Als „Nachspeise“, soweit zumindest in den ausgelegten Menükarten ausgewiesen, kam das Ensemble Bazarnaüm Production aus Frankreich mit der Musikrevue „Bankal Balkan“. 4 Künstler zeigen in einem kleinen zur Bühne umgebauten Anhänger was sie zu bieten haben. Da wird gesungen, musiziert, jongliert, da gibt es Akrobatik, Kletteraktionen und Verfolgungsjagden. Alles im bzw. um den Anhänger herum. Dass dieser dabei nicht unbeschadet bleibt und heftigen Schwankungen ausgesetzt ist führt zu turbulenten Szenen. Fast alle Aktionen werden von traditioneller Balkanmusik begleitet. Ein einzigartigen Tohuwabohu spielt sich da ab und das Minenspiel der Akteure setzt dem ganzen Spiel noch die Krone auf. Da ist der große und furchteinflößende Akkordeonspieler, dessen Blicke jedermann erstarren lassen, da ist der flinke Hausmeister, der auf seine ganz eigene Art und Weise die Dinge repariert, da ist der Chef der Truppe, der auch mal wild wird, wenn es um sein Instrument geht und da ist der Star der Truppe, die mit Ihrem Gesang begeistern kann. Alles zusammen war es nicht nur eine Nachspeise, nein hier kam nochmals ein Hauptgericht auf den Tisch, dass die Zuschauer zu lang anhaltendem Applaus animierte. Leider gab es keine Zugabe. Ob es nun an der Wärme lag oder an den strengen Auflagen der Ordnungsbehörden bloß nicht zu überziehen. Auf jeden Fall ein gelungener Abend und ein überzeugender Auftakt des 2 Wochen dauernden Festivals.

Bürgerdinner Bankal Balkan

Blogger: Martin Hagemeyer

Gucken, Staunen, Augen aufreißen: "Bankal Balkan" war für mich ein Start der neanderland BIENNALE, der mit viel Spaß an wesentliche Elemente, an 'basics' von Theater erinnerte. Heiter, leicht überdreht und vollgepackt mit Überraschungen erlebten wir vier Spielleute auf Reisen, in einem liebevoll gestalteten Wohnwagen, der Bühne und Transportmittel zugleich war. Dass das fiktiv war und alles inszeniert, die vier also keineswegs tatsächlich jeden Tag von Stadt zu Stadt ziehen und auch nicht vom Balkan kommen, sondern aus Frankreich: Man vergaß es als Zuschauer sehr gerne, und die Schauspieler machten es einem leicht damit.

Etwas knapp am Marktplatz angekommen, erlebte ich die ersten Sekunden des Auftritts noch nur hörend vom Dixi-Klo - aber das war schon einiges, weil unüberhörbar: Wie der erste Rumms von der "Bühne" zum Start ging es dann weiter, und wir alle bekamen ein Feuerwerk an Ideen rund um ein Konzert. Während einer vor dem noch verschlossenen Wagen gestikulierte, brach urplötzlich dessen Frontwand heraus und der "Inhalt" wurde sichtbar: die drei weiteren Musiker in einer Art Stube, die sofort munter drauflos fiedelten. Auch so ein Dach ist keine fixe Größe, lernte man erstaunt, denn selbiges wurde bald gleichfalls durchbrochen - weiter ging's obendrauf.

Doch ein Konzert eines Quartetts, das war es ja zunächst und auch in erster Linie: Eine Frau, so liebreizend wie zupackend, und drei Typen - und einen "Typ" schien in der Tat jeder zu verkörpern. Souverän, melodisch, schnell und rhythmisch spielten und sangen die vier ihre Stücke, die hier draußen bei uns Zuschauern direkt in Herz und Hände gingen. Irgendwie osteuropäisch klang das alles, viel Moll bis Melancholisch, und bei allem aber voll Energie und Vergnügen. Das sanfte osteuropäische Klischee: Es schien ein bisschen Running Gag bei diesen Pseudo-Slawen im besten Sinn. Natürlich wurde genug Wodka gekippt, und zwar aus der Flasche statt dem angebotenen Glas. Emotion bis zur Dramatik, und irgendwann ging's selbstredend fast bis aufs Blut, und einer verfolgte den anderen rund um den Wagen mit der Axt.

Überhaupt die kleinen Szenen: Einer jagte der Dame einen Schreck ein beim Versuch, halabrecherisch eine Glühbirne auszuwechseln, sie schrie auf, ein anderer beruhigte sie linkisch mit einem Frosch. Umso rührender als er die ganze Zeit den grimmigen Sonderling mit Fell und Düstermiene markiert hatte.

Bloggen, behaupte ich, ist eine sehr freie Form. Ich füge daher mal frisch meine Notizen ein, die ich vorab ins Handy getippt hatte. Nicht weiter redigiert, unfertig sein darf's ja vielleicht auch:

In Erkrath bin ich zum ersten Mal. Es ist noch etwas Zeit, und beim Schlendern nehme ich erste Eindrücke mit: Ich schmunzle ein wenig über eine "Wimpern-Akademie" am Weg und sehe ein Eiscafé, ein Gartenlokal. Ein ordentliches Städtchen, das ich mir gut vorstellen kann in einer Reihe mit mir nicht unbekannten Orten umher wie Hilden oder Haan.

Das Theater kommt in die Stadt... Nun, in "die" Stadt stimmt ja nicht, denn das Fest verteilt sich ja auf zehn. Habe das Konzept noch nicht sicher verstanden. Vielleicht so: Ein loser Bund von Kommunen, teils vielleicht ohne festes Theater, bekommt alle zwei Jahre ein Theaterprogramm, zentral organisiert und mit ausgewählten Truppen. Komplizierte Avantgarde erwarte ich da weniger als gute Unterhaltung, und nun gar eine musikalische Eröffnung auf dem Marktplatz, von der das Bürgerdinner schon weit zu hören ist. An solch einem heißen Sommerabend braucht man eigentlich auch nichts weniger als komplizierte Avantgarde."

So weit meine Notizen vorab. Erwartet hatte ich also eher ein harmloses Sommervergnügen. Im Nachhinein sage ich: Das stimmt und stimmt auch nicht. BANKAL BALKAN war ein toller Start für ein Theaterfest, weil er mit heiteren Mitteln an so manch Thratrales erinnerte: den Live-Effekt, das Überaschenlassen, das Spiel - auch mit Erwartungen.